Sonntag, 5. Februar 2012

Heute ein kleiner Text zu meinem Großvater. Eingestellt auf der Seite lueben-damals.de, einem bewundernswerten Erinnerungsprojekt zur einst deutschen Stadt Lüben.

Text und vor allem auch die Bilder unter www.lueben-damals.de/erinnerungen/aschenbeck.html



Der Kulturbaumeister Johann Hermann Aschenbeck 
Kreisbaumeister in Lüben, Baurat in Liegnitz

Johann Aschenbeck mit seiner ersten Frau
 
Mein Großvater, der am 29. September 1878 geborene Johann Aschenbeck, stammte aus dem kleinen oldenburgischen Dötlingen. Dem auf einem Geestrücken an dem Fluß Hunte gelegenen Dorf kam zur deutschen Olympiade 1936 der zweifelhafte Ruhm zuteil, als deutsches "Musterdorf" bezeichnet und beworben zu werden. Damals sollten sogar ausländische Gäste mit Bussen nach Dötlingen gekarrt werden, damit diese deutsches Bauerntum kennen lernen. Die Busse blieben aus, das "Musterdorf" war nicht mehr als eine fixe Idee, aber Dötlingen war trotzdem schön.
Johanns Vater Diedrich (1858-1929), mein Urgroßvater, wirkte um 1900 als "Wiesenbauer". Er organisierte mit großem Erfolg die Dötlinger "Rieselwiesengenossenschaft". Er plante und realisierte ein Bewässerungssystem, das Huntewasser mittels fein verästelter Gräben über die Wiesen führte. Ziel war, die Heuerträge zu steigern. Bis zur Mechanisierung der Landwirt-schaft waren derartige Bewässerungsgenossenschaften in ganz Deutschland üblich. Allerdings erforderte das empfindliche Grabensystem eine Heuernte von Hand, mit der Sense. Als in den 1950er Jahren die Trecker aufkamen, wurde die Riesel-wirtschaft aufgegeben.
Diedrichs Haus, die ehemalige Ölmühle, lag direkt an der Hunte und an dem von ihm entworfenen Huntestau. Diedrich hatte zehn Kinder, von denen zwei bei der Geburt starben.
Johann war der Erstgeborene. Wie sein Vater erlernte Johann den Beruf des Wiesenbauers und besuchte die Wiesenbau-schule in Suderburg. Mit 25 Jahren bekam er Arbeit in der Moorkolonie Bismarck in Ostpreußen. Er war Anfang 30, als er 1910 die zehn Jahre jüngere Hedwig Hahn aus Ischdaggen (Kreis Darkehmen) heiratete. Mit Hedwig hatte er zwei Kinder: Heinz-Dieter (geboren 1910), der Mitte der 1930er Jahre auch die Suderburger Wiesenbauschule besuchte, in dritter Generation, und Christel (1919-2008). Vermutlich um 1932 gingen Johann und seine Familie nach Lüben, wo Johann die Stelle des Kreisbaumeisters übernahm - in der Nachfolge des verstorbenen Baumeisters Zschau.
Aschenbeck kümmerte sich wie sein Vater vor allem um den "Wiesenbau", um die Begradigung von Wasserläufen und die Bewässerung der Wiesen. Über Aschenbecks Wirken schreibt Rudolf Schröther in "Die Wasserläufe im Kreis Lüben" im Lübener Heimatblatt 5/1979 S. 10:

"Regen Anteil an dem Ausbau der Wasserläufe, der Errichtung von Dränungen und anderen Kulturmaßnahmen hatte der weit bekannte Kulturbaumeister und spätere Baurat Aschenbeck. Ihm oblag auch die Gründung von Genossenschaften, die dann die Entwässerungsmaßnahmen durchzuführen hatten. Nun kann sich auch ein Laie auf diesem Gebiet vorstellen, welche Schwierigkeiten dabei auftraten. Schließlich soll sich jeder Beteiligte je nach dem errechneten Vorteil, den er aus der Entwässerung hatte, an deren Koten beteiligen. Und wenn es dann um diesen Punkt ging, wollte möglichst keiner Nutzen von der Maßnahme haben. Dann war es immer Aschenbeck, der es mit seiner Ruhe und seiner speziellen Art, mit Menschen umzugehen, verstand, die Verhandlungen zu dem gewünschten Abschluß zu bringen. Dabei war er ja nicht einmal Schlesier, sondern stammte aus Oldenburg. Aber in den vielen Jahren, in denen er das Kreisbauamt leitete, hatte er sich in die Denkweise unserer Bauern so eingelebt, daß er manchmal mit ihnen besser als ein Ortsansässiger fertig wurde. Er ließ die vielen Maßnahmen, die durchgeführt werden sollten, nach den damals gültigen Regeln planen und ausführen, wodurch besonders bei Dränungen und Binnenentwässerungen viel Nutzen entstand. Somit hat er zur wirtschaftlichen Verbesserung vieler bäuerlicher Betriebe maßgeblich beigetragen. Er wird sicher noch heute in der Erinnerung vieler Bauern weiterleben."

Über Johann Aschenbecks Jahre in Lüben wissen wir außer diesem kurzen Bericht nur wenig. Nicht einmal der Standort seines Hauses ist überliefert. Ein Foto aus diesen Jahren zeigt uns Christel, wie sie im "Luisenbund" Anschluß an die jungen Frauen der Stadt suchte. Christel, deutlich eine der Jüngsten im Verein, steht viel zu ernst für ihr Alter im Kreis der ausgelassenen einheimischen Frauen. Offensichtlich hat sie zu niemanden der Runde einen engeren Kontakt. Vielleicht zeigt das Bild aber auch ihre anhaltende Trauer über den Tod ihrer Mutter. Hedwig Aschenbeck starb in der ersten Hälfte der 1930er Jahre. Wann genau und was zu ihrem frühen Tod geführt hat, ist nicht bekannt.
Im Jahr 1936 heiratete Johann die Lübenerin Helene Tschorsch, die Tochter des Antiquitätenhändlers Tschorsch, der an der Liegnitzer Straße 42 sein Geschäft betrieb. Irmgard Hilbrink erwähnt ihn und sein Geschäft in ihren Erinnerungen.
Aus dieser zweiten Ehe gingen die Kinder Udo (* 1939 in Liegnitz, † 1995 in Hamburg), Rolf (* 1943 in Liegnitz) und Peter (geboren 1945 auf der Flucht) hervor. Udo Aschenbeck erreichte später eine gewisse Bekanntheit als Schriftsteller (Südlich von Tokio, Frankfurt am Main 1987; Woll, Hamburg 1994).
Kurz vor Kriegsende wurde Johann zum Baurat in Liegnitz befördert - in der Großstadt konnte er jedoch kriegsbedingt nicht mehr wirken. Sein Sohn Udo bescheibt in "Woll" das nahende Ende:
"Der Buh kommt! Der Buh kommt!" rief ich wieder, als das Geräusch einer Flugzeugstaffel ins Zimmer drang.
"Das sind Flugzeuge, die tun uns nichts, die fliegen weiter nach Polen." Vater schlug die Wagentür zu. 
"Bisher haben wir Glück gehabt. Schlesien ist die reinste Schlafkammer in diesem Krieg."
Schnell endete die trügerisch ruhige Zeit. Ende Januar 1945 begab sich die Familie zusammen mit Schwiegervater Tschorsch und Else, der Schwester von Helene, die den Lübener Gärtner Hans Ihm aus der Steinauer Straße geheiratet hatte, auf die Flucht. Dazu benutzten sie das eigene Automobil, vollgepackt mit Lebensmitteln und Alkohol - Tauschware und Überlebenshoffnung in einer ungewissen Zukunft.
Über die Flucht, die über Sachsen und Bayern nach Dötlingen führte, ist kaum etwas überliefert. Wurde ihnen der Wagen abgenommen? Udo beschreibt eine entsprechende Szene auf dem Dresdener Hauptbahnhof. Unter welchen Bedingungen wurde Peter geboren? Was haben sie erlebt, gesehen? Wie in Millionen anderen traumatisierten Flüchtlingsfamilien wurde darüber nicht gesprochen. Es ist zu bezweifeln, dass unsere Vorstellungskraft ausreicht, sich davon ein Bild zu machen.
Johann Aschenbeck hatte das Glück, in Dötlingen über ein Erbe zu verfügen: ein großes, direkt an der Hunte gelegenes Grundstück. Johann verkaufte den attraktivsten Teil des Landes an einen Bremer Kaufmann, hatte dadurch genügend Geld für den Kauf von Baumaterialien, und begann auf dem verbliebenen Teil mit dem Bau eines Hauses. Im Alter von 67 Jahren erstellte er mit bloßen Händen, unterstützt von im Dorf lebenden Verwandten, ein Wohnhaus für die siebenköpfige Familie.
Die Fertigstellung des eigenen Hauses im Jahr 1949 - eines schlichten Ziegelbaus mit Krüppelwalmdach - überlebte er nur um zwei Jahre. Die Strapazen der Flucht und des Hausbaus hatten ihm so zugesetzt, dass er 1951 entkräftet starb.
Helene Aschenbeck lebte bis Anfang der 1990er Jahre in dem Haus in Dötlingen/Ölmühle. Ihre Schwester Else und ihr ebenfalls aus Lüben stammender Ehemann wohnten genau gegenüber in einem verwunschenen Landhaus mitten im Wald.
Der zu früh gestorbene Udo Aschenbeck hat sich immer wieder mit seiner Kindheit beschäftigt. Sein Roman "Woll" steckt voller Sehnsucht - Sehnsucht nach Schlesien ("In Schlesien habe ich noch ein Haus") und Sehnsucht nach Dötlingen, der zweiten oder ersten Heimat.
"Eines Tages wird er sich endgültig auf den Weg machen", heißt es über den Protagonisten Gustav, das Alter Ego von Udo, "und der Weg wird über die Sauerlandautobahn führen, über Dortmund und Münster ins Oldenburgische. Wenn der Transit die Autobahn verläßt, das Dorf durchquert, das Haus im Wald gefunden ist, wird der Schlüssel vom Nachbarn geholt. Die klammen Zimmer werden begangen, die Einrichtung gemustert." 
Nach der Hausbesichtigung - seine Mutter ist gerade in ein Pflegeheim gekommen - führt Gustav seinen Freund zum Hof des Großvaters. "Da ist mein Vater geboren, sagte ich, zeigte auf den Hof und den Acker, zum Fluß im Westen, nach Osten, die Straße hoch, auf den Wald zu beiden Seiten, vom Norden im Poggenpohl zum Süden, wo die Rieselwiesen lagen. Die Größe hatte der Hof zu Zeiten meines Großvaters, sagte ich."

JAN AKEBÄCK
(unter seinem richtigen Namen ist Jan Akebäck Enkel von Johann)

Mittwoch, 18. Januar 2012


Ein Blick auf Akebäck (Gotland). Gefunden auf "Kulturmiljöbild - The Swedish National Heritage Board's photographic database". Von Jan.

Montag, 9. Januar 2012

Gotland. Ingmar Bergman, der italienische Partisan und die schweigenden Bäcker.

Wir lagen in den Sesseln der fast leeren Fähre, hatten ein Shrimpssalat hinter uns und sahen schwedisches Kino. Die Schauspieler rannten zwischen den roten Hütten im fahlen Licht der Sommernacht – und sie stritten. Sie schimpften, weinten und manchmal versöhnten sie sich auch, um dann wieder von vorne anzufangen. Ich musste an Ingmar Bergmans Persona denken, ein intensiver, die Grundbedingungen der Existenz bearbeitender Film, der auf Gotland, auf Farö, gedreht wurde. Mir wurde klar, das Gotland nicht Capri ist, hier wartete kein dolce vita, schon gar nicht im November.
Wir nähern uns der Insel. Kurz vor Mitternacht sehen wir die ersten Lichter der Hansestadt, des Weltkulturerbes. Aber wir waren noch nicht am Ziel. Nachdem wir den im Scheinwerferlicht gleissenden Bauch der Fähre verlassen hatten, tauchten wir ein in die gotländische Dunkelheit, fuhren über leere Landstraßen immer tiefer in die Nacht.
Eine Insel bildet stets eine Welt für sich – mit eigenem Klima, eigener Kultur und andersartigen Menschen. Nach 40 Minuten Fahrtzeit führte uns das Navigationssystem von der Hauptstraße ab, hinein in eine Wacholderwildnis. Kaninchen rannten dutzendfach durch das Scheinwerferlicht und irgendwann erreichten wir eine kleine Siedlung mit fünf, sechs Ferienhäusern. Endlich Zuhause. Ein Zuhause für 14 Tage. Das Kaminholz lag bereit und wir konnten mit gutem Gefühl in die schnell gemachten Betten sinken.
Am nächsten Morgen fuhren wir bei sechs Grad plus in den nächsten Ort. In Ljugarn sollte es einen Bäcker geben. Aber die Tür von Espegards war verschlossen, nur ein Hinweisschild zeigte uns den Weg zur „Bakdörren“. Tatsächlich: Hinter der Hintertür lag die Backstube. Der Bäcker und sein Gehilfe ignorierten uns vollständig. Aber es gab eine Schüssel mit Brötchen, einen Stapel mit Papiertüten und eine Schale für das Geld. Wir bedienten uns – die Schweden lieben Selbstbedienung – verabschiedeten uns mit einem unerwidert bleibenden „hej hej“ und begannen einen sonnige Tag auf neuem Territorium.
Einst war Gotland die reichst Insel der Welt. Im Mittelalter fraßen die Schweine aus silbernen Trögen, so heißt es. Der dänische König Waldemar Atterdag hatte im frühen 14. Jahrhundert so viel Verlockendes von der reichen Insel gehört, dass sein Begehren endlich gestillt werden musste. 1361 hatte er seine Truppen zusammen und fuhr mit einer Armada in das Zentrum der Ostsee.
Die gotländischen Bauern, wohlhabender als alle anderen Bauern der damaligen Welt, konnten den Angreifern wenig entgegen setzen; ein friedlicher Menschenschlag, der vom globalen Handel bis zum Schwarzen Meer lebte. Die Gotländer unterhielten keine Truppen, besaßen keine Geschütze und verschanzten sich hinter keinen Festungen. Die alten heidnischen Fornburgen waren längst verwildert. Als die gierigen Soldaten des dänischen Königs in die alten Wikingerhäfen einfielen, stellten die Bauern schnell ein Heer zusammen. Aber die dänischen Soldaten ermordeten die unerfahrenen, oft noch blutjungen Bauernsoldaten und raubten die Schätze – zumindest die, die sie finden konnten.
Es heißt, dass Atterdags Schiffe schwer beladen mit Gold und Silber zum Rückweg nach Kopenhagen aufbrachen, dann aber in schwerer See untergingen. Immer wieder wurde nach den Schiffen und nach der Ladung gesucht – aber kein goldener Barren und kein einziger silberner Löffel wurden bislang auf dem Grund der Ostsee gefunden.
Nach einigen Tagen hatten wir uns an den Rhythmus der Insel gewöhnt. Im November blieben unsere Nachbarferienhäuser verlassen. Wir lebten alleine im einsamen Wacholderwald. Der Golfplatz war verwaist, die Restaurants geschlossen. Wir unternahmen lange Spaziergänge an der Ostsee. Besuchten Felsformationen, die in der Brandung stehen, so genannte Raukar, und sammelten Fossilien, die hier überall am Strand liegen. In Ljugarn suchten wir das Wohnhaus des Malers Louis Sparre, der hier eine winzige Künstlerkolonie begründet hatte, und erkundeten eine kleine, zugewachsene Fornburg. Ich erzählte meiner Frau, dass wir nach Maulwurfshügeln Ausschau halten sollen. Vielleicht haben die Maulwürfe ein paar Gold- oder Silbermünzen ans Tageslicht gebracht. Vielleicht.
Als der dänische König über die Insel zog, hatten die Bauern ihre Schätze im Boden versenkt. Noch immer werden jedes Jahr Silberschätze auf Gotland gehoben. Meist legen Bauern beim Pflügen unerwartete Münzverstecke frei. Bei dieser Funddichte sind aus gutem Grund Metallsuchgeräte verboten – Gotland soll kein Abenteuerspielplatz für die Schatzsucher der Welt werden.
Der dänische König zog ab, das Land und die Hansestadt waren zerstört, tausende Bauern ermordet und Reichtümer geplündert. Es folgten Jahrhunderte in Armut. Noch heute spürt man eine tiefe Traurigkeit auf der Insel, ein Nachklingen alter, goldener Zeiten. Die Gotländer lebten in den Jahrhunderten nach der Katastrophe von der Landwirtschaft oder vom Kalkbrennen. Mehr schlecht als recht. An der Ostküste erinnern heute verlassene und ruinöse Häfen an den Handel mit gelöschtem Kalk und Kalksteinen.
In einem der aufgelassenen Fabrikgebäude auf der Insel Furillen ist inzwischen ein Designhotel ansässig, das den industriellen Charme ausnutzt und den passenden Namen „Fabriken“ trägt. Es steht inmitten eines alten Steinbruchs und verwöhnt den Besucher mit einer existentiellen Atmosphäre, in denen man Ingmar-Bergman-Filme sehen sollte. Oder auch nicht, wenn man auf Novemberdepressionen verzichten will.
Von einer besonderen und tragischen Geschichte erfahren wir auf dem Kirchhof von Östergarn. Hier wurden die deutschen Soldaten beigesetzt, die vor der Ostküste Gotlands in dem von Russen torpedierten Schlachtschiff Albatross gestorben waren. Das war 1915 gewesen, im Ersten Weltkrieg. Auf einem Grabstein an der Kirche lesen wir Löwenberg, Natschke, Hoppe, Laube, Dittmer, Geyer … und weitere 23 deutsche Namen.
Nach den Kriegen wurde Gotland Zufluchtsort. Für Mitteleuropäer, die den Bombenkrieg erlebt hatten, war Gotland ein abgelegenes Paradies, unberührt von den Schrecken des 20. Jahrunderts. 1948 kam der italienischer Bäcker Luigi Muttoni, der als Partisan in deutschen Gefängnissen gesessen hatte, auf die Insel. Er übernahm Espelgards Café in Ljugarn und bot den Gotländern bis 1979 italienische Backwaren.
Doch mit dem Kalten Krieg wurde auch das Militär ein wichtiger Arbeitgeber auf der Insel. Ganz Nordgotland wurde als Spergebiet erklärt, überall an der Ostküste entstanden Bunker und Abhöranlagen, von denen aus die Ostsee und der Osten beobachtet wurden. Im Norden von Gotland, mitten im ehemaligen Sperrgebiet, lebte bis zu seinem Tod im Jahr 2007 Ingmar Bergmann. Hier konnte er ungestört von ausländischen Touristen (sie durften Farö nicht betreten) seine Filme realisieren. In einer ehemaligen Scheune hatte er ein privates Kino eingerichtet, einen Vorführraum für großes Kino – nur für ihn.
Nach dem Tod Bergmans hat nun ein norwegischer Mäzen sein Anwesen übernommen. Stipendiaten aus dem Film- und Fernsehbereich wohnen und arbeiten nun jeweils eine Saison in dem Landhaus des Regisseurs. In der benachbarten Schule Farö wird nach den Entwürfen der Stockholmer Architekten Tham & Videgard ein Bergman-Museum eingerichtet. Eine leuchtend rote ausgeschlagene Camera Obscura soll in architektonischen Dimensionen entstehen. In der alten Schule finden aber schon jetzt Ausstellungen und Veranstaltungen zu Ingmar Bergmans Werk statt.

Jan Akebäck













Donnerstag, 15. Dezember 2011

Geerd Koch-Weser in Russland

Geert Koch-Weser
BRIEFE AUS DEM KAUKASUS
(1927)


Erster Brief

Freitag um elf Uhr nachts fuhr mein Zug in Moskau ab. Abends ging ich noch zum Mausoleum Lenins. Es ist von acht bis neun Uhr geöffnet, um der werktätigen Bevölkerung Gelegenheit zu geben, ihren toten Führer zu sehen. Ein langer Menschenzug stand vor dem Grabmal im strömenden Regen. Langsam rückte er vorwärts. Nach zwanzig Minuten war man endlich am Eingang angekommen, stieg die Treppe ins Innere hinunter, um an der einbalsamierten Leiche Lenins vorbei und an der anderen Seite hinauszugehen. Die Menschen schienen leider mehr von Neugier als von Andacht beherrscht zu sein, als sie in das schöne, edel geschnittene Gesicht des Toten blickten.

Auf dem Wege zum Bahnhof brachte mich das Auto noch einmal über den Roten Platz. Noch einmal sah ich die gewaltigen Mauern und Türme dunkel in den dunklen Himmel ragen und hoch darüber die hell erleuchtete rote Fahne flattern. Dann trug mich der Zug weiter nach Süden.

Als ich morgens erwachte, fuhr ich durch weites, flaches Gebiet, in das nur hin und wieder das Wasser kleine Schluchten gerissen hatte. Schilfbestandene Sumpfflächen, Busch und Grasland wechselten miteinander ab, Große Viehherden weideten im Grünen. Schwarze, braune, graue, rote und gescheckte Kühe, dazwischen kleine Trupps von Schafen, und Pferde, die sich mit zusammengekoppelten Vorderbeinen unbeholfen vorwärtsbewegten. Die Hirten lagen irgendwo im Schatten, nur die kleinsten liefen an die Gleise und begrüßten den Zug mit lautem Geschrei. Gemäht werden nur die besten Stellen dieser großen Grasflächen. Vorsichtig führt der Bauer sein kleines Pferd durch das wegelose Gebiet nach Hause; seine Frau blickt auf den Rechen gestützt dem schwankenden, torkelnden Fuder nach.

Dann wieder kommen ausgedehnte bebaute Gebiete, Bauernland. Einzeln oder zu zweien stehen mähende Bauern in der besonnten, goldenen Fläche. In der Ferne zieht wie ein Nebelschleier Regen über die Felder; man sieht ihn und riecht ihn, aber er geht vorbei.

Kleine Dörfer liegen im Gebüsch; die Häuser, die fast nur aus einem Dach bestehen, sehen wie im Grün verstreute Strohhaufen aus. Kein Weg, keine Straße ist sichtbar, Dann wieder größere Dörfer, ein riesenbreiter, dreckiger Weg, links und rechts die Häusergruppen, winzige Lehmwände, große Strohdächer. Auf kleinen Anhöhen hin und wieder eine sechs oder achtflügelige Windmühle oder eine Kirche mit russischem Zwiebelturm.

Gegen Mittag auf einer kleineren Station großes Geschrei, Zusammenlaufen der Reisenden, Beim Näherkommen sehe ich, was los ist, Ein großer Halbkreis von Dorfbewohnern steht an den Schienen, Frauen in bunten Kopftüchern, kleine Mädchen und alte weißbärtige Männer, Jeder hat einen Teller oder ein Gefäß in der Hand; und jeder preist laut an, was er zu verkaufen hat: Obst, Brot, Eier, Gurken, Milch, gebratene Hühner und anderes. Das Schauspiel wiederholt sich noch an vielen Stationen; Wirtschaften gibt es in Rußland nur an den größeren Bahnhöfen,

Kurz vor Charkow, der Hauptstadt der Ukraine, zieht ein Gewitter herauf. Der Himmel wird bis auf einen schmalen gelben Streifen am Horizont ganz dunkel. Nur die vielen Sonnenblumen leuchten noch in der Landschaft. Eine Rindviehherde wird schleunigst ins Dorf getrieben, Bauern kommen im Trab vom Felde herein. Der erste Blitz zuckt quer über den ganzen Himmel.

Bisher hatte ich während der ganzen Reise mein Abteil für mich gehabt; nun in Charkow wurde der Zug voll und ich kam mit einer russischen Dame zusammen. Ich hielt das anfangs für ein Versehen, aber dann merkte ich, daß man in den russischen Schlafwagen keine Herren und Damenabteile unterscheidet; eine komische Sache, die besonders komisch dadurch war, daß wir uns auf keine Weise verständigen konnten.

Es kam der letzte Tag meiner Reise. Wir fuhren durch wohlhabenderes Land; die Dörfer waren stattlicher, die einzelnen Häuser größer, Weit dehnten sich die Stoppelfelder, Hier war die Getreideernte bereits beendet, in der Moskauer Gegend hatte ich die Bauern mähen sehen, bei Riga waren die Felder noch grün und niedrig gewesen. So sah ich eine lange Entwicklungszeit des Getreides in acht Tage zusammengedrängt. Die Getreideschläge waren also kahl, aber große Mais und Sonnenblumenfelder standen noch. Auf einer Seite sahen die Sonnenblumen alle zur Bahn hinüber, auf der anderen Seite kehrten alle ihre Gesichter ab. Ein prachtvoller Anblick sind die riesigen, gelben Flächen.

Plötzlich taucht hinter den Feldern eine schmale, graue Fläche auf. Ist es ein Fluß, ein See? Wir kommen näher, man erkennt Schiffe; es ist das Meer, das Asowsche Meer, Am Rande des niedrigen, grasbewachsenen Steilufers fährt die Bahn der Donmündung entgegen. Große Herden roten Viehes weiden im sumpfigen Gelände.

Der Zug rollt über die Donbrücke; hinter uns liegt Rostow, lang am Flußufer hingestreckt; vor uns Flachland; man weiß nicht, was ist überschwemrnte Weide, was sind Flüsse und Seen? Dann ein Stück Steppe und dann schönstes Kulturland. Trotz der Hitze tragen die Leute auf den Feldern zum Teil große Pelzmützen. Wir sind auf der Landbrücke zwischen Kaspisee und Schwarzem Meer. Es geht weiter nach Süden. Vor einem leuchtenden Sonnenblumenfeld ein prächtiges Bild. zwei riesige Kamele ziehen mit weitausgreifenden Schritten ein kleines Wägelchen, auf dem der Bauer mit seiner Familie zur Erntearbeit fährt. Das Ende der Bahnfahrt naht.

Kawkaskaja. Ein Auto der Konzession wartet am Bahnhof. Die riesenbreiten Straßen der dörflichen Stadt bestehen aus Seen und Morast; es hat viel geregnet. Tief muß das Auto in Wasser und Schlamm hinein, aber fabelhaft zieht der kleine Fordwagen durch. In jedem Dorf schießen von allen Seiten die Dorfköter auf uns zu. Dann Steppe; Wege gibt es nicht; wie es ihm oder seinen Pferden am richtigsten scheint, fährt jeder eine neue Spur in das weite Grasland. Es geht hügelauf, hügelab; die eigenartigste Autofahrt, die ich je gemacht habe. Endlich kommt die Grenze der Konzession. bald auch Gutshof Nummer eins, Herr D., der Leiter der Konzession begrüßt mich an der Tür des Herrenhauses, Die weite Reise ist beendet, die Landarbeit soll beginnen.


Gefunden in: Archicultura, Heft 2


Dienstag, 13. Dezember 2011

Winterreise - Mit Goethe auf den Brocken



Wir haben den Rucksack gepackt und die Wanderschuhe in den Kofferraum gestellt.
Beim Forsthaus Oderbrück lassen wir den Wagen stehen. Wir wollen den Brocken besteigen.
Der November des Jahres 1777 war fast vorüber, als sich Johann Wolfgang von Goethe entschloss, in den Harz zu reisen. »Ich mache mich allein auf, ... den letzten November, zu Pferde, mit einem Mantelsack und ritt durch Schloßen, Frost und Koth auf Nordhausen den Harz hinein in die Baumannshöhle, über Wernigerode, Goslar auf den hohen Harz.«
Ohne lange zu überlegen hatte Goethe eine Weimarer Jagdgesellschaft verlassen, um Einsamkeit zu finden. Damals bereits war er eine der bekanntesten Persönlichkeiten nicht nur in Deutschland. Die »Leiden des jungen Werther«, 1774 erschienen, galten als zutreffende Beschreibung des Lebensgefühls einer jungen, suchenden Generation.
Unter falschem Namen zog er über die Pässe des Mittelgebirges. Niemand sollte von seinem Vorhaben erfahren – nur Charlotte von Stein, die Frau, die er liebte. Goethe nächtigte in dunklen Wirtshausern. Er beobachtete mit dem Interesse des Schriftstellers die einfachen Menschen des Harzes. Er studierte die Erscheinungen der Erde, kroch in Höhlen und lernte manches über Mineralogie. Am 6. Dezember schrieb der 28-jährige Harz-Wanderer an die geliebte Freundin: »Mir ists eine sonderbaare Empfindung, unbekannt in der Welt herumzuziehen, es ist mir als wenn ich mein Verhältnis zu den Menschen und den Sachen weit wahrer fühlte. Ich heise Weber, bin ein Maler, habe iura studiert, oder ein Reisender überhaupt, betrage mich sehr höflich gegen iedermann, und bin überall wohl aufgenommen ... Eine reine Ruh und Sicherheit umgiebt rnich, bisher ist mir noch alles zu Glück geschlagen, die Luft hellt sich aus, es wird diese Nacht sehr frieren.«

Berge im Nebel

Anfänglich hatte es mehrere Tage lang gestürmt, gehagelt und geregnet. Das Wetter sei
entsetzlich, niemand sonst sei unterwegs, schrieb Goethe. Doch in der Nacht zum 7. Dezember sank die Temperatur plötzlich – Schnee fiel. Goethe, der sich als Johann Wilhelm Weber, Maler aus Darmstadt, ausgab, ritt in den Hochharz, über Clausthal nach Torfhaus. »Wie ich zum Torfbause kam, sas der Förster bey seinem Morgenschluck in Hemdsermeln, und diskursive redete ich vom Brocken und er versicherte mir die Unmöglichkeit hinauf zu gehn, und wie oft er sommers droben gewesen ware und wie leichtfertig es ware iezt es zu versuchen. – Die Berge waren im Nebel man sah nichts, und so sagte er ists auch iezt oben, nicht drei Schritte vorwärts können Sie sehn. Und wer nicht alle Tritte weis ppp. Da sas ich mit schwerem Herzen, mit halben Gedanken wie ich zurückkehren wollte ... Ich war still und bat die Götter das Herz dieses Menschen zu wenden und das Wetter, und es war still.«

Erbsensuppe im Brockenbahnhof

Seit zwei Tagen hat es immer wieder geschneit. Der ganze weiße Harz scheint der Wirklichkeit entrückt, die hässlichen Spuren des alltäglichen Lebens sind zugedeckt, dem Auge behutsam entzogen. Über 230 Jahre nach Goethe gehört der Brocken zu den beliebtesten Wanderzielen in Deutschland.
Seit am 3. Dezember 1989 die Grenze gefallen ist, kommen Zehntausende jedes Jahr.
Die Welt ist weiß. Nur wenige Meter weit können wir durch das Gestöber blicken. Uns wird leicht zumute, wir erfahren eine neue Dimension. Nie wieder soll sie aufhören, die weiße Unendlichkeit.
Von Schierke aus führt ein Ableger der Harzquerbahn auf den Brocken, direkt auf den Gipfel. Heute muss derjenige, der den Schnee, die Wolken oder den Ausblick erleben will, nicht mehr laufen. Die Schmalspurbahn wurde Ende des 19. Jahrhunderts von italienischen und kroatischen Arbeitern in den Berg gehauen. Seit dem Sommer 1992 befördern die Züge Menschenmassen nach oben, direkt auf den Gipfel. Eine Dampf- und eine Diesellok ziehen die Waggons. Umweltschützer hatten gegen die Wiederaufnahme des Betriebs, der seit 1961 eingestellt war, protestiert. Sie vertraten die Ansicht, dass sich Naturschutz und Massentourismus nicht miteinander vertragen.
Wer auf die Bahnfahrt verzichtet, der gelangt über den neuen Goetheweg nach oben.
Nach der Öffnung der Grenze wurde der Weg eigens angelegt, damit die Leute nicht den
alten Pfad durch das Naturschutzgebiet nehmen. In den Jahren nach 1990 konnte man hier noch die alten Grenzanlagen betrachten – eine eigene Betonmauer umzog den Gipfel. Fluchtversuche waren damals, zu DDR-Zeiten, beinahe zwecklos, der Zaun war tief in den Boden gegraben und an seiner Oberkante mit elektrischen Drähten unüberwindbar gesichert. Nur die Vögel des Hochharzes waren frei.
Unsere Haare beginnen zu verkrusten. Schnee taut auf der Haut und friert zu Eis. Unsere Ohren schmerzen, durch die Handschuhe kriecht die Kälte. Den Wanderer, der das Ziel erreicht hat, erwartet ein bulliges Bahnhofsgebäude. BROCKEN steht in roten Versalien auf dem Mauerwerk. Es ist ein massives Haus, ein Bollwerk gegen Sturm und Kälte, in dessen Inneren der Brockenwirt Erbsensuppe und manch hochprozentiges Getränk anbietet.
Hier oben wollen wir bleiben. Langsam taut der Schnee von unseren Jacken. Nie wieder, so denken wir nach einer ersten Besinnung, nie wieder wollen wir hinaus in Kälte und Wind.
Johann Wolfgang von Goethe hat am 10. Dezember 1777 den Brocken bestiegen. Es war ihm gelungen, den zögernden Förster zu überreden, ihn bei seiner Wanderung
zu begleiten. Damals galt der Weg auf den Gipfel als waghalsige Strecke. Vertraut man der Oberlieferung, hat Goethe als erster überhaupt den Brocken im Winter bezwungen, als erster den Gang durch Nebel und Schnee gewagt. »Ich habs nicht geglaubt biss auf der obersten Klippe. Alle Nebel lagen unten, und oben war herrliche Klarheit.« Rückblickend schrieb er später: »Ich stand wirklich ... in der Mittagsstunde, grenzenlosen Schnee überschauend, auf dem Gipfel des Brockens, zwischen jenen ahnungsvollen Granitklippen, über mir den vollkommen klarsten Himmel, von welchem herab die Sonne gewaltsam brannte, so dass in der Wolle des Überrocks der bekannte branstige Geruch erregt ward.«

Fast religiöses Gefühl

»Unter mir sah ich ein bewegliches Wogenmeer nach allen Seiten die Gegend überdecken und nur durch höhere und tiefere Lage der Wolkenschichten die darunter befindlichen Berge und Täler andeuten." Fast war es ein religiöses Gefühl, das Goethe auf dem Gipfel überkam. Er dachte an Charlotte von Stein und er dachte an seine eigene Existenz im fernen Weimar.
»(Ich) sah die Gegend von Teutschland unter mir alles von Wolken bedeckt, dass der
Förster, den ich mit Mühe persuadirt hatte, mich zu führen, selbst vor Verwunderung außer sich kam, sich da zu sehen, da er viel Jahre am Fuße wohnend das immer unmöglich geglaubt hatte.«
Der Abstieg geht schnell. Wir rutschen und fallen durch den neuen Schnee. Wir albern
und tollen – und vergessen die Anstrengung des Aufstiegs.
Plötzlich erblicken wir einen Vogel: Schwarz aufgeplustert sitzt er auf einem der
alten Grenzpfähle und trotzt dem Sturm. Ein Birkhuhn ist es, das uns nachdenklich beäugt.
Am 10. Dezember 1777, in der Nacht nach seiner ersten Brockenbesteigung, zeichnete
Goethe den Berg, der im Mondlicht lag. Das Bild gehort zu seinen schönsten. Es zeigt im
Vordergrund die Schemen schwarzer Fichten, im Hintergrund erhebt sich als weiße Kuppe der Brocken. Unwirklich leicht scheint der Berg – als ob er mehr ein geistiges Phänomen ist denn ein massiver Brocken. »Aber den Einsamen hüll' in deine Goldwolken ...«

Schutzhütte Wolkenhaus

Der winterliche Aufstieg ging Goethe fortan nicht mehr aus dem Kopf. Er nahm das Naturerlebnis zum Anlass, über eine Farbenlehre nachzudenken, die er viele Jahre später ausarbeitete. Ein zweites Mal bestieg Goethe den Brocken im September 1783. An Charlotte von Stein schrieb er einen letzten Brief, bevor er die Wanderung begann. »Das Wetter hat sich überzogen, vielleicht kommt uns das Morgen früh zu Gute denn wir bleiben diese Nacht oben. Oben auf dem Gipfel auf den alten Klippen will ich mich nach deiner Wohnung umsehn und dir die Gedancken der lebhafftesten Liebe zuschicken. Schon vor mehreren Jahren that ich dasselbe, ... lebe wohl meine beste.«

(c) Jan Akebäck 2011

Montag, 12. Dezember 2011

Wiedergelesen: Elementarteilchen

Ein altes Buch von Houellebecq, aber es fasziniert immer noch. Harte, klare Offenbarungen über unsere Zeit, über Dekadenz, Sex und Tod. Aber auch, wie Karte&Gebiet, eine Sammlung von Wikipedia-Wissen. Macht das den Roman stärker, intelligenter, kraftvoller? Oder ist das Buch trotz dieser pseudowissenschaftlichen Einschübe großartig, überlebt es die Überfrachtung durch den Autor? Ich befürchte: letzteres. Die Wissens-Einschübe verzögern die Handlung und verdicken das Buch, beides mag sinnvoll sein, aber die Geschichte würde ohne auskommen. Trotzdem ein großer, kontroverser Roman.

Freitag, 9. Dezember 2011

Aktuell in Arbeit: Der Koreaner ... und andere Geschichten

DER KOREANER (Auszug)

von Jan Akebäck

...
Seit Tagen guckte ich immer wieder durch die kleine Plantage mit den Aprikosenbäumen hindurch zum Nachbargrundstück. Dort stand, undeutlich zwischen Blättern zu erkennen, ein Haus, in der gleichen Art gebaut wie alle anderen in dieser Siedlung. Die Fenster waren zugenagelt, der Putz bröckelte – fast eine Ruine.
„Wohnt dort einer?“, fragte ich Dmitri Anisimowitsch und zeigte Richtung Zaun.
Er blickte mich vielsagend an und zog dann mit zwei Fingern seine Augen in die Länge.
„Chinesen?“, fragte ich, „in der Ukraine?“
„Ein Usbeke“, antwortete er. „Aber eigentlich ein Koreaner.“
„Aha“, sagte ich und verstand nicht.
„In Usbekistan leben viele Koreaner.“
„Aha.“
„Und die usbekischen Koreaner lieben die Ukraine. Kommen hierher, um Gemüse anzubauen.“
„Wieso in die Ukraine?“, fragte ich.
„Hier wächst das Gemüse am besten.“ Dmitri Anisimowitsch lächelte.
„So so.“
„Er kam vor sechs Jahren und hat das Haus gebaut.“
„Und er reist immer aus Usbekistan nach Melitopol, jeden Morgen?“, fragte ich zunehmend verwirrt.
„Was hast Du für Ideen“, lachte Dmitri. „Er lebt in Melitopol, in der Stadt. Dort wartet seine ukrainische Frau auf ihn – und seine beiden Kinder.“
„Wieso wohnt er nicht in seinem Haus?“, fragte ich. „Wenn er es mehr pflegt, wird es wunderschön.“
„Dann könnte alles herausfinden.“ Dimitri grinste verschwörerisch. „Dann könnte sie SIE entdecken.“
„Wer ist SIE?“
„Seine zweite Frau. Eine Kasachin. Mit ihr hat er drei Kinder. Und beide Frauen wissen nichts voneinander. Nur wir bekommen alles mit.«
„Beeindruckend“, behauptete ich. „Kann er sich das denn leisten, ich meine, zwei Familien zu finanzieren?“
Dimitri lachte weiter und schnitt mit einem Messer routiniert die Paprika von den Büschen. „Er ist ein guter Mann, begabt. Verdient mit seinen Aprikosen doppelt so viel wie wir.“
„Sind sie dicker?“
„Kein Unterschied. Er erzählt die besseren Geschichten. Wenn er mit seinem Früchten auf dem Markt steht, wachsen sie mit seinen Worten … Erzählen kann er. Das muss er auch können … bei zwei Frauen.“
Kein Wunder, überlegte ich, dass das Haus eine Ruine ist.
„Vor drei Wochen hat er uns besucht“, fuhr Dimitri fort.
„Und?“
„Ein Koreaner eben. Nett und höflich, sehr angenehm. Aber er schien etwas aufgeregt. Wir haben Wareniki mit Kirschen gegessen und uns über das Wetter unterhalten. Weißt du, dieses Jahr mussten wir zwei Mal pflanzen. Der viele Regen und dann die plötzliche Trockenheit … Ja, und dann sagte er leise zu mir, dass seine Frau ihn besuchen wird.
„Welche Frau?“
„Die Kasachin. Aus Usbekistan.“
„Kommt wohl Ärger auf ihn zu.“
„Mal sehen. Bisher hat es immer geklappt.“
...

(c) Jan Akebäck
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